Ein Mensch, zwei Sprachen, zwei Seelen?

Migration: Im Spannungsfeld zwischen Herkunfts- und Aufnahmekultur

Zwei Länder, zwei Kulturen, zwei Sprachen, ein Herz, eine Seele… In deiner Heimat ein Fremder, an deinem Wohnort Migrantenkind. Ein Herz, das sich nach einer Heimat sehnt, die es nicht kennt, da Heimat nicht der Wohnort ist. Zweigeteilt von Kindesalter an, stets steht man zwischen zwei Stühlen. Nirgends Zuhause. Überall fremd. Zuhause ist da, wo das Herz ist, sagte mir mein Großvater einst. Mein Herz ist in Griechenland, Pappou, so nennen wir ihn. Er lächelte und tröstete mich, nächsten Sommer bist du wieder dort. Ich will aber jeden Tag dort sein, nicht nur in den Ferien. Immer dort sein, verstehst du, Pappou? Dort ist das Licht, die Wärme, das Meer, herzliche Menschen.

Alles Tratsch-Tanten, sagte plötzlich Giagia, d. h. Oma. Die wissen besser über unser Leben Bescheid als über ihr eigenes. Diese Frau Katina, ti koutsompola, apapa![1] Immer steht sie vor dem Fenster, wenn wir auf dem Balkon sitzen. Giagia, das stimmt, aber immerhin kümmert sie sich um dich, wenn wir nicht da sind. Frau Müller hingegen hier, in Deutschland, erschrickt immer, wenn sie einen Menschen sieht und durch Ihre Tür kommt nur die Polizei durch. Türen, Fenster, Jalousien, alles wird sofort geschlossen.

Ich glaube sie denkt, wir sind Diebe, sagte Tante Toula. Was ist denn hier wieder los, fragte Mama? Debattiert ihr wieder darüber, wo es schöner wäre? Natürlich ist es in Ellada[2] schöner. In Ellada aber mein Schatz, hätten wir jetzt nichts, hier haben wir Arbeit, ein Haus, du hast dein Spielzeug. Du musst dich glücklich schätzen. Andere Kinder haben nicht einmal etwas zu essen. Doksa to theo, Gott sei Dank, sagte Giagia und bekreuzigte sich. Ach Mama, ihr redet immer von Arbeit, von haben, haben, haben, machen und tun. Ich will nichts haben, ich will zum Strand, den Basilikum riechen im Garten, die Opas diskutieren hören im Café, die Frauen tratschen sehen, Kinder auf der Straße spielen sehen. Ich will leben. Hier müssen wir immer lernen, lernen, lernen, damit wir später, weiter arbeiten, arbeiten, arbeiten. Nie hört es auf. Ein Teufelskreis. Jetzt musst du lernen, damit du dir später etwas leisten kannst. Wir möchten nicht, dass ihr das gleiche durchmacht wie wir, blablabla… Ich möchte lieber nichts haben und in Griechenland sein, als hier alles haben und in den Ferien hören zu müssen, die Deutschen sind wieder da. Ich bin keine Deutsche, verdammt noch mal!

 

Zwei Sprachen, zwei Kulturen, ein und dieselbe Person! Dieses Problem, auch wenn etwas grob skizziert, beschäftigt tausende von Menschen, die in zwei Kulturen groß werden. Manche von Ihnen entscheiden sich für eine der beiden, manche versuchen beide unter einen Hut zu bringen und manche wenden sich beider ganz ab.

Heutzutage sehen wir erneut, dass unzählige Menschen ihre Heimat, ihre Kultur, ihre Freunde, ihr Zuhause, usw. verlassen, um woanders ein neues besseres Leben anzufangen. Das Einzige, was ihnen bleibt ist die Sprache, die sie Ihren Kindern beibringen können, denn Sprache ist Gefühl, ist Liebe, ist Kultur, ist ein wertvolles Erbe. Menschen, die Ihre Heimat verlassen, kämpfen nicht nur mit all dem, was auf sie zukommt, sie kämpfen Tag täglich mit sich selbst. Sie stellen sich täglich dieselben Fragen? War es richtig zu gehen? Können wir nicht einfach wieder zurück? Was wäre, wenn….Am Ende, Angst, Verdrängung, Trauer verwurzelt in tiefster Liebe. Das Herz kämpft mit dem Kopf. Wer bin ich? Wohin gehöre ich? Was will ich?

 

Ein Mensch, zwei Sprachen, zwei Seelen?

[1] Koutsompola = Tratsch-Tante.

[2] Griechisch für Griechenland

Ελένη Ιωαννίδου